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Flohmarkt-Philosophie
In meiner Kindheit war Flohmarkt etwas, das einmal im Jahr stattfand - und somit ein großes Ereignis. Seit ich denken kann, haben meine Eltern - meine Mutter, im wesentlichen - einen Stand auf unserem örtlichen Flohmarkt, jeweils am 1. Sonntag im Juli. Das ganze Jahr über hieß es daher bei missratenen Geschenken und anderen zweifelhaften Gegenständen: Ach, das kommt zum Flohmarkt! Kurz vorher wurde dann vielleicht noch eine Ausmist-Aktion gestartet: Was kann, muss, sollte weg, könnte aber noch jemand anderes interessieren? Und so sah es auch auf allen anderen Ständen aus: Keine professionellen Händler, sondern eine komplette Kleinstadt, die einmal im Jahr ihre Keller und Speicher entrümpelt und versucht, Ballast loszuwerden: Weil niemand mehr mit der Spielkonsole spielt, Omas geblümtes Kaffeeservice nun wirklich niemand gefällt, das Barbiehaus einem Cello weichen musste und man ganz generell einfach viel zu viel Krempel hat. So ein lokaler Flohmarkt in einer tendenziell wohlhabenden Gegend ist wie der Hinterhof der Überflussgesellschaft: Die Tapeziertische biegen sich vor einstigen Habseligkeiten (Wort des Jahres 2004), unter dahinter sitzen die Noch-Besitzer mit angespannter Miene, die innere Zerrissenheit verrät: Panik, alles wieder mit heimnehmen zu müssen; gierige Hoffnung, ein bißchen Reibach mit dem alten Plunder zu machen, weil die Geschäfte ja SO gut nun auch nicht laufen und der Sohn zum Abi ein Auto will; Verachtung für die Trottel, die den Wert der fantastischen Dekantierkaraffe/ Austernlöffel/ Zigarrenschneider nicht erkennen; und schließlich tief verborgene Selbstzweifel, ob man für diesen Müllberg eigentlich selbst verantwortlich ist, wo das denn nur alles herkommt und ob man wohl gerade seine einzigen Errungenschaften im Leben verramscht.
Grundsätzlich - das kam jetzt vielleicht noch nicht so zum Ausdruck - finde ich Flohmarkt aber etwas sehr schönes. Dinge wechseln den Besitzer, meist für fast schon symbolische Niedrigpreise, anstatt weggeworfen zu werden. Was dem einen eine Last ist dem nächsten ein toller Fund, zumindest im besten Fall. Für den (nicht-professionellen) Verkäufer - so wie für mich letzten Samstag - hat Flohmarkt auch immer etwas mit Sich-Trennen zu tun. Die Entscheidung, sich von Dingen zu verabschieden, die einem vielleicht mal etwas bedeutet haben, die man ja aus irgendeinem Grund hatte, kann ja manchmal sehr bedeutsam und auch gar nicht so leicht sein - oder auch eine Erleichterung! Manchmal hängt man an Dingen mehr als an allem anderen - sie sind so einfach mit Erinnerungen zu verknüpfen, und sie widersprechen nicht.
Zum Glück hatte ich viele Dinge, bei denen mir die Trennung ziemlich leicht fiel... Ganz geschäftstüchtig hab ich mir auch gleich überlegt, wie ich alles am besten präsentiere, z.B. meinen aussortierten Modeschmuck. Dabei bin ich dann in meine eigene Falle getappt - so hübsch aufgereiht kam ich dann gleich wieder ins Grübeln, ob das alles weg soll:
Aber was soll ich sagen, es hat sich gelohnt! Gleich in doppeltem Sinne... denn ich habe nicht nur Krusch unter die Leute gebracht, sondern gleich auch noch was schönes mit heim genommen. Darin kann ich mich dann mit all dem schönen Firlefanz, der sich zukünftig noch bei mir ansammeln wird, angemessen bewundern:
Na dann - bis zur nächsten Trennung...
famos ===> liebe
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